Ekaterina Mucha ist Österreicherin

Sie und ihr Mann, unser Herausgeber Christian W. Mucha, haben diesen magischen Moment und das mediale Interesse daran für eine Botschaft genutzt: Dass es keine Hexenjagd auf alle Russen im 21. Jahrhundert geben darf. Lesen Sie hier die Reden von beiden im Original. Und – danke den heimischen Medien für korrekte und faire Wiedergabe dieser Botschaft.

 

Ekaterina Mucha:

Sehr geehrte Frau Gottschalk, werte Mitarbeiter der MA 35, mein lieber Mann, liebe Freunde!

Seine Eltern und die Familie, das Geschlecht, die Hautfarbe und den Geburtsort kann man sich nicht aussuchen. Das bestimmt das Schicksal. Aber man kann – wenn man Glück hat – sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen und den eigenen Lebensmittelpunkt selbst wählen. Ich habe diesbezüglich viel Glück gehabt und mich vor 20 Jahren entschieden, in Mitteleuropa zu leben. Vor 14 Jahren habe ich durch die Fügung des Schicksals mit Christian meine große Liebe gefunden. Und ich bin ihm blind gefolgt. Österreich – seine Heimat – war dann die große Überraschung für mich.

Ich bin aufgewachsen In der Millionenstadt St. Petersburg (die hieß bei meiner Geburt noch Leningrad) mit immens viel Tradition – erbaut im italienischen Baustil, von Peter dem Großen in Respekt und Anerkennung der mitteleuropäischen Kultur, Kunst, Architektur und Lebensweise errichtet. In Wien habe ich mich sofort pudelwohl gefühlt. Hier Fuß zu fassen war sohin ganz einfach für mich. Schwieriger war das Erlernen der deutschen Sprache (meine fünfte) und das Überwinden von Vorurteilen und Klischees gegenüber den „bösen“ Russen. Ok, im James Bond Film braucht man die. Aber im richtigen Leben empfand ich das als ungerecht, vorurteilsbehaftet und damit völlig entbehrlich. Denn ich als gebürtige Russin atme so, wie alle anderen Menschen auf dieser Welt. Ich fühle, liebe, leide, genieße und trauere so, wie sie alle hier.

Und – ich genieße das außerordentliche Privileg, in Frieden und Freiheit leben zu dürfen. Das Wichtigste bei alledem: Ich bin an mein Leben in Österreich mit großem Respekt herangegangen. Ich habe mich sprachlich, kulturell, was Gebräuche und Usancen betrifft, mit all meinem Tun und Handeln angepasst. Und versucht, zu lernen, staunend zu verstehen und mich einzufügen in mein neues Zuhause.

Ok. Es gibt da ein paar Dinge, die ich nicht geschafft habe. Ich weiß, dass man als Österreicherin Schifahren muss – bin aber trotz Einsatz der besten Schilehrer Tirols daran schmählich gescheitert. Und – ich kann tun, was ich will, aber die Witze beim Villacher Fasching – bitte vergebt mir – bringen mich, auch wenn ich mich anstrenge, nicht zum Lachen. Aber das schafft mein Mann in Lederhose sofort. Und: meine Deutschkenntnisse lassen noch immer zu wünschen übrig. Wenigstens bestelle ich jetzt schon Schweinsbraten und nicht mehr Schwanzbraten- das war anfangs echt peinlich. Aber ansonsten darf ich mich als voll integriert betrachten. Sohin ist der heutige Akt eine reine Formalität. Denn ich bin im Herzen längst Wienerin.

Ich möchte allen danken, die mir hierzulande mit offenen Armen und mit offenem Herzen entgegengetreten sind. Wer uns kennt, der weiß, dass Christian und ich Kosmopoliten sind. Weltoffen. Wir haben Freunde auf der ganzen Welt. Ohne Ansehen von Nationalität, Hautfarbe, Geschlecht oder sexueller Orientierung. Denn was zählt, ist immer nur der Mensch. In seiner einzigartigen Individualität.

Wir waren schon immer gegen Vorurteile im Einsatz. Stetig mit unseren ganzen Herzen eintretend für den Frieden, wohl das höchste Gut der Menschheit. Wir setzen uns für Freiheit und die freie Rede ein. Als Medienmenschen sind wir engagierte Kämpfer für die Unabhängigkeit der Medien und eine Presse frei von jeder Zensur. Weil es das ist, was in unser beider Leben am meisten zählt.

Wenn jetzt ein unmenschlicher Krieg wütet, für den es kein wie immer geartetes Schönreden, kein verharmlosendes Erklären wollen gibt, weil ein Krieg immer die schlechteste Lösung ist, dann haben den nicht „alle Russen“ begonnen. Ich stehe für Abermillionen meiner Landsleute, die nur glücklich und in Frieden leben wollen. Ich bete für die Opfer dieses schrecklichen Überfalls und ersuche sie alle, jetzt nicht in xenophobischer Vorurteilsmanier alle Russen zu verteufeln. Bitte bewahren sie Augenmaß.

Und – danke, dass ich hier sein darf. Und hoffentlich auch hier bleiben darf. Bitte messen Sie mich an meinen Worten, meinen Taten und meinem Herzen. Nicht nach meiner geografischen Entstehung oder meinem Geburtsnamen. Messen Sie mich nicht an Faktoren, für die ich zwar nichts kann, die aber immer Teil meiner Identität sein werden.

Ich danke allen, die zum heutigen Tag beigetragen haben.  Insbesondere Frau Gottschalk, ihrem fabelhaften Team, Dominik Unger und seinem Einsatz und dir Christian, dass ich ab heute Österreicherin sein darf. Und – ich danke ganz besonders all jenen, die Vorbilder sind, wenn es um das Überwinden von Vorurteilen, Hass und Aggression geht …

 

Christian W. Mucha:

Liebe Ekaterina, ich gratuliere dir aller herzlichst zur Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft.

Vorweg möchte ich eines klarstellen. Das, was Ekaterina hier gesagt hat, stammt aus ihrem Kopf. Ich war nur der Lektor. Das, was sie in ihrer Rede sagt, sind ihre ureigenen Worte. Und diese Worte beweisen, wie mutig sie ist. Denn es gehört Mut dazu, vor allem was die letzte Passage ihrer Rede betrifft, all dies auszusprechen. Denn schließlich lebt ihre Familie nach wie vor in Russland. Mehr, glaube ich, braucht man dazu nicht zu sagen.

Liebe Ekaterina, hörst du jetzt auf, Russin zu sein? Nein, natürlich nicht.

Gibt es das überhaupt, die Russen? Gibt es das, die Menschheit? Ich glaube, es gibt nicht die Russen, sondern es gibt nur Menschen in Russland. Und es gibt nicht die Menschheit, sondern ein paar Milliarden Menschen. Wir beide – und dafür stehen wir – beurteilen die Menschen nach ihrer Menschlichkeit. Nach ihrer Empathie. Nicht nach ihrer Herkunft. Wenn jetzt dieser schrecklichen Tage eine Hexenjagd auf „die Russen“ begonnen hat, dann finde ich das entsetzlich. Ich möchte nicht, dass Musiker aufhören, zu musizieren, Maler aufhören, ihre Bilder zu malen, Tänzer aufhören, zu tanzen und Dirigenten aufhören, zu dirigieren. Nur, weil sie aus Russland stammen.

Wir beide, und das ist uns wichtig, sind entschiedene Verfechter des Friedens. Wir treten für den Frieden ein. Dieser Krieg ist ein Angriffskrieg. Dieser Krieg wird freilich von abermillionen Russen, die sich, so wie wir, dem Frieden verpflichtet fühlen, nicht gebilligt. Das ist die Botschaft, die wir in diesem wesentlichen Moment in unser beider Leben, wo sich unser Mikrokosmos verändert, verbreiten möchten. Es darf jetzt keine Hexenjagd gegen die Russen im 21. Jahrhundert geben.

Unser Freund Yury Revich, der noch vor einer Woche im Konzerthaus ein fantastisches Konzert für die UNICEF-Kinder unter Verzicht seiner Gage gegeben hat, darf plötzlich in Frankreich nicht auftreten. Nur, weil er einen russischen Vornamen hat. Freunde, das kann es doch nicht sein. Müssen wir jetzt aufhören, Dostojewski, Tolstoy, Puschkin und Tschechow zu lesen? Müssen wir jetzt aufhören, Chopin, Rachmaninow, Strawinsky und Tschaikowski zu hören? Das ist doch absurd. „Die Rettung der Menschheit besteht gerade darin, dass alle alles angeht“, hat ein kluger Mann gesagt.

Dieser Krieg geht jeden von uns etwas an. Wir alle müssen uns bemühen, das dagegen zu tun, was wir tun können. Die Menschen weltweit sind aufgerufen, humanitär zu helfen. Menschlichkeit zu beweisen. Übrigens – der Mann, der das bei der Verleihung des Literaturnobelpreises im Jahr 1970 gesagt hat, ist niemand geringerer als Alexander Issajewitsch Solschenizyn.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei den Mitarbeitern der MA 35 bedanken, die uns durch ein schwieriges Verfahren geführt haben. Der Zeitpunkt, warum Ekaterina jetzt österreichische Staatsbürgerin wird, ist reiner Zufall, weil wir all die Vorbereitungen dafür schon seit acht Monaten getroffen haben. Ich danke deshalb Frau Nadine Gottschalk und Frau Nadine-Ines Minarik sehr für ihre Unterstützung und auch unserem Geschäftsführer und Stiftungsvorstad Dominik Unger, ohne den all dies nie funktioniert hätte.

Ich möchte mich aber auch bei der russischen Botschaft bedanken, deren Mitarbeiter uns außergewöhnlich engagiert geholfen haben. Auch dort sind Menschen, die – ich habe das ganz deutlich in ihren Augen lesen können – letzten Endes nur den Frieden wollen. Und den Krieg verabscheuen. Und glauben Sie mir, es ist für diese Menschen auch schwierig.

Liebe Freunde, die diese Botschaft erreicht: bitte behalten wir unser Augenmaß. Denn das ist jetzt wichtig. Jeder von uns kann das Seine beitragen. Das, was wir beitragen wollen, denn diese Verbindung von einer Russin und einem Österreicher ist ja etwas sehr Symbolisches, ist dieser Appell.

Liebe Ekaterina, last but not least: Hörst du jetzt auf, Russin zu sein? Natürlich nicht. Ich habe dich wegen deiner tiefen, faszinierenden, unergründlichen russischen Seele geheiratet. Die zu entdecken, war immens spannend. Das hat mich unheimlich bewegt. Du wirst immer Russin bleiben. Das sind deine Wurzeln. Die solltest du bewahren. Das wünsche ich mir von dir. Nochmals herzliche Gratulation.