Das Maß aller Dinge

Im Waldland Österreich (© Donald Trump) explodieren nicht nur die Bäume: Da brennen auch die Träume. Denn wer hegt nicht im verborgenen Herzenskämmerlein den inbrünstigen Wunschtraum, das zu erleben, was Andy Warhol uns allen versprochen hat: Dass jeder von uns wenigstens einmal im Leben für einen Moment berühmt sein wird. Wobei – es wäre nicht so schlecht, wenn das dann eine längere Zeitspanne überdauern könnte… 

Österreichs Prominenz ist – um das unprätentiös zu formulieren – ein „wilder Haufen“. Eine Mischkulanz aus Künstlern, Sportlern, Unternehmern, Models, Schnorrern, Angebern, Selbstdarstellern, gepuschten Ikonen und Adabeis, die sich stets dann, wenn’s irgendwo Aufmerksamheit zu holen gibt, um die vordersten Plätze drängeln.

Die Riege der Austro-Promis reicht vom „unsterblichen“ Skirennläufer (sein Platz in der Geschichte ist ihm sicher, seit er den Weltmeistertitel mit einem Hundertstel Vorsprung eingeheimst hat) über einen Baumeister, der bevorzugt um das teure Geld seiner Mieter im Einkaufstempel Hollywood-Stars in Stretchlimousinen zum Opernball karrt, bis zur veroperierten Charity-Lady, die jeden klagt, der auch nur behauptet, ihre Lippen wären aufgespritzt. Wer diese – vermeintlich einem Fellini-Film entsprungene – Partie Revue passieren lässt, dem fällt nur der Satz „Die Gspritzten haben immer Saison“ ein. Von der Rennsport-Legende über den Oscar-Preisträger, Euromilliardäre und Bürgermeisterfrauen ebenso wie zu Star-Figaros, Kindermoden-Bankrotteuren und Ferrari-Liebhabern reicht das breite Spektrum jener, die meistgenannt die heimischen Gazetten bevölkern. 

Warum die betreffenden Personen (darunter übrigens auch eine russischstämmige Juristin und ein 66-jähriger Fachmagazineur) prominent sind, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Wieso jemand bekannt wird, genannt wird, erwähnt wird, warum Spitzentypen, die in ihrem Metier Hervorragendes leisten, Zeit ihres Lebens in erbärmlicher Anonymität dahindümpeln und aufgeblasene Nichtsnutze mit übersteigertem Ego, scharfen Ellenbögen und dem Talent zum Schmeicheln emporkommen, vermag niemand genauer zu analysieren, zu verstehen, zu deuten oder zu planen. 

Wie also schafft man es in die Liga der außergewöhnlichen Persönlichkeiten? Die Antwort darauf gab mir vor vielen Jahren Albert Fortell. Ein Mann, der in Wahrheit Albert Fortelni heißt. Und als Sohn eines bekannten Wiener Schauspielers in die Fußstapfen seines Vaters trat. Mit wechselndem Erfolg. Fortelni damals zu mir im O-Ton: „Um genannt zu werden, muss man jene verstehen, die über Events, Veranstaltungen, Partys, Charities, Feste und Großereignisse berichten. Die sind doch in Wahrheit arme Hunde. Am Opernball erklärt dir jeder, dass er jetzt tanzen gehen wird. Und eigentlich interessiert das nach dem 6423. Interview keinen mehr. Also: Ein spannender Spruch muss her. Ein kurzer, prickelnder Sager muss vorbereitet sein. Eine spannende Geschichte. Das werden sie bringen. Und wer regelmäßig abliefert, der schafft es, immer wieder genannt zu werden. Und plötzlich ist er prominent.“ Fortelni hatte immer einen Spruch parat. Wohl vorbereitet. Ob er sich im richtigen Moment den Arm brach oder mit einem bekannten Hollywood-Schauspieler rein zufällig zu Oscar-Zeiten eine Auto-Karambolage in Los Angeles hatte – seine Gschichtln waren immer klug vorbereitet und vom Feinsten. 

Adabei, der verwichene Roman Schliesser, war die legendäre Galionsfigur der heimischen Berichterstatter. Der zweitmeistgelesene Kolumnist der Kronen Zeitung, geschlagen nur von Staberl Richard Nimmerrichter, gab das Tempo vor: Wenn Schliesser einen Satz von Franz-Josef Strauß mit deftigen, knapp gesetzten und brutal formulierten Worten wiedergab, dann entwickelte sich daraus flugs ein diplomatischer Eklat zwischen Österreich und Bayern. Der rasende Roman war das Maß aller Dinge. Jene, über die er schrieb, konnten sich wahrhaftig glücklich schätzen. Sanktionen kannte er nur eine: „Wenn mir jemand zuwider ist, dann kommt er bei mir nicht vor. Den ignorier ich. So einfach ist das“, formulierte er sein Credo gegenüber dem Autor dieser Zeilen. 

Doch konnten in der Schliesser-Prassl-Ära (Franz Prassl war sein Konterpart beim Kurier, und die beiden hassten einander redlich) noch allerlei Deftigkeiten verbreitet werden, hat sich der Wind gedreht: Heute gehen die Uhren anders als seinerzeit. Da läuft alles politisch korrekt ab. Da wird mit der Goldwaage abgewogen. Und wehe, man hält sich nicht an die Regeln. Wenn bei der Wahl zur Miss Earth keine Masken getragen werden, dann bekommen die Society-Journalisten Schaum vor dem Mund. Wenn Friedrich Schiller gefragt wird, ob er sich mit einem Kontrahenten versöhnen würde, und der Spruch entschlüpft ihm: „Sicher. Ich würde mich ja auch mit Adolf Hitler versöhnen“, dann springt selbst die eigene Ehefrau Jeannine symbolische fünf Meter hoch. Und distanziert sich vom eigenen Göttergatten. Und der Ausrutscher verbreitet sich lawinös.

Sohin zählen heute Political Correctness, soziales Engagement und Bekanntheit. Obgenannte Jeannine kriegt schon öfter mal ihr Kleeblatt (gleichzeitige Berichterstattung in allen vier wichtigen Tagesmedien, Kurier, Krone, Heute und Österreich), wenn sie für die Kinder in Moldawien unterwegs ist. Damit machst du die großen Punkte. Dazu kommt, dass mit Facebook, Instagram, TikTok, YouTube und Co. jedermann sein eigenes Medium hat. Sohin ist alles viel breiter aufgestellt als früher. Wer heute zum Who ist Who zählen möchte, der muss vielfältig sein: In den sozialen Netzwerken punkten, täglich spannende Berichte, gute Fotos und starke Videos posten. Und sich dann noch zu allem Überdruss mit einer Spezies herumschlagen, die noch vor Jahren als Grippe-Erkrankung galt: mit den Influencern. 

Von Christian W. Mucha

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