Die Schaufenster von Louis Vuitton, Dior und Celine gehören normalerweise zu den glänzendsten Adressen europäischer Einkaufsmetropolen. Doch derzeit prägen Holzplatten, beschädigte Fassaden und verstärkte Sicherheitsvorkehrungen das Bild prominenter Luxusstraßen. Frankreich erlebt nach wochenlangen Protesten eine Welle von Plünderungen und Verwüstungen, auch in Deutschland wächst die Sorge vor weiteren Ausschreitungen. Für die Luxusbranche kommt die Entwicklung zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.
Luxusadressen im Visier
Besonders schwer getroffen wurde Frankreich. Bei den Ausschreitungen Mitte Oktober wurden allein nach Angaben der französischen Handelskammer rund 2.400 Geschäfte beschädigt. Die wirtschaftlichen Verluste werden auf mehr als eine Milliarde Euro geschätzt. Mehr als ein Viertel der betroffenen Geschäfte blieb zunächst geschlossen. Auch einige der prominentesten Adressen der internationalen Luxuswelt gerieten ins Visier der Randalierer.
Auf der Pariser Avenue Montaigne, einer der bekanntesten Luxus-Shoppingmeilen der Welt, wurden unter anderem die Schaufenster von Louis Vuitton und Jil Sander zerstört. Die Boutique von Celine wurde vollständig geplündert. Auch in anderen Städten traf es bekannte Marken. Geschäfte von Hugo Boss, The Kooples und Lancel wurden verwüstet. Die Vorfälle beschränkten sich damit keineswegs auf einzelne Einkaufsstraßen in der französischen Hauptstadt.
Die Konsequenzen reichen inzwischen über die unmittelbaren Schäden hinaus. Zahlreiche Händler investierten in zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen, verstärkten Eingänge und Schaufenster oder entschieden sich dafür, ihre Geschäfte während angekündigter Proteste geschlossen zu halten. Auf der Avenue des Champs-Élysées und rund um den Place Vendôme wurden zusätzliche Sicherheitskräfte eingesetzt. Auch Boutiquen von Louis Vuitton, Dior und Bulgari erhöhten ihre Schutzmaßnahmen.
Paris verliert an Attraktivität
Für die Luxusindustrie ist die Situation auch deshalb problematisch, weil Frankreich eine zentrale Rolle im internationalen Geschäft mit exklusiver Mode, Schmuck und Uhren spielt. Paris ist nicht nur ein wichtiger Standort für die großen Luxuskonzerne, sondern auch ein wesentliches Reiseziel für kaufkräftige internationale Kunden. Der Einkauf in den Flagshipstores gehört für viele Besucher zum Aufenthalt in der französischen Hauptstadt.
Doch Bilder von verbarrikadierten Geschäften, Polizeieinsätzen und geplünderten Boutiquen passen wenig zum Image, das die Luxusmarken vermitteln wollen. Händler und Hoteliers befürchten, dass die Unruhen auch das Reise- und Einkaufsverhalten beeinflussen. Bereits während der Proteste blieben zentrale Einkaufsstraßen zeitweise auffallend leer. Die Unsicherheit könnte damit auch jene Kunden abschrecken, die ihre Einkäufe normalerweise mit einem Aufenthalt in Paris verbinden.
Hinzu kommt die wirtschaftliche Ausgangslage. Große Luxuskonzerne wie LVMH, Kering und Hermès stehen ohnehin unter Druck, nachdem sich die Nachfrage in wichtigen Märkten abgeschwächt hat. Die Unruhen verschärfen die Situation nun zusätzlich. Besonders ungünstig ist der Zeitpunkt mit Blick auf das Weihnachtsgeschäft. November und Dezember machen im französischen Einzelhandel üblicherweise einen erheblichen Anteil des Jahresumsatzes aus.
Auch Deutschland rüstet sich
Mittlerweile ist die Sorge auch in Deutschland angekommen. Vor den Jugendprotesten am 31. Oktober sicherten zahlreiche Händler ihre Geschäfte vorsorglich ab. Auf dem Berliner Kurfürstendamm und der Düsseldorfer Königsallee, zwei der wichtigsten Luxus-Einkaufsadressen des Landes, wurden Schaufenster mit Holzplatten geschützt. Juweliere und Modehändler bereiteten sich auf mögliche Angriffe vor, einige Geschäfte planten vorübergehende Schließungen.
In Frankfurt eskalierte die Lage am Samstagabend tatsächlich. Nach zunächst weitgehend friedlichen Demonstrationen wurden Geschäfte geplündert und Schaufenster eingeschlagen. Mindestens zwei Läden waren von Plünderungen betroffen, weitere wurden beschädigt. Die Polizei meldete mehr als 30 vorläufige Festnahmen.
Noch lässt sich die Entwicklung in Deutschland nicht mit den massiven Schäden in Frankreich vergleichen. Dass Luxusgeschäfte bereits vor Demonstrationen ihre Fassaden verbarrikadieren, zeigt jedoch, wie stark die Ereignisse jenseits der Grenze die Branche beschäftigen. Die französischen Bilder sind für viele Händler zur Warnung geworden.
Ein Imageproblem mit wirtschaftlichen Folgen
Für Luxusmarken steht mehr auf dem Spiel als der Wert zerstörter Waren oder beschädigter Schaufenster. Die Branche lebt von Exklusivität, Sicherheit und einem sorgfältig aufgebauten Markenimage. Eine Einkaufsstraße, in der Geschäfte hinter Holzplatten verschwinden und Kunden Polizeisperren passieren müssen, vermittelt ein anderes Bild als jenes von Eleganz und unbeschwertem Konsum.
Auch die Kosten für zusätzliche Sicherheitsdienste, Reparaturen und mögliche Geschäftsausfälle dürften die Händler noch länger beschäftigen. Hinzu kommt die Unsicherheit darüber, wie sich die Lage in den kommenden Wochen entwickelt. In Frankreich sind weitere Proteste angekündigt, auch in Deutschland bleibt die Situation angespannt.
Für die Luxusindustrie wird damit aus einer lokalen Sicherheitsfrage ein internationales Geschäftsrisiko. Denn die Attraktivität europäischer Luxusmetropolen hängt nicht zuletzt davon ab, dass sich ihre Kunden dort sicher fühlen. Wenn ausgerechnet die berühmtesten Einkaufsadressen hinter verbarrikadierten Fassaden verschwinden, bekommt das Image der europäischen Luxuswelt sichtbare Risse.
